Bons en Chablais-Genève

Technische Angaben

Datum
11. Oktober 1982

Wetter
zuerst schön, starker Westwind, zuletzt Regen

Karte
1:50’000 Blätter 271 Chablais, 270 Genève, 1:25’000 Blatt 1281 Coppet

Route
St-Didier – Brens – Couty – Monniaz (Grenze) – Grands Bois – Lullier – Sionnet – Carre d’Aval – La Capite – Ruth – Cologny – Genève

Höhen ü.M.
St-Didier 550 m, Brens 571 m, Monniaz 513 m, Carre 460 m, Genève Quai 374 m

Zeiten
St-Didier – Grenze 1 Std., Monniaz – Carre 1 ½ Std., Carre – Genève 2 Std./p>

Unterkunft
Thonon

Verpflegung
Mittag im Rest. Cheval Blanc, Carre d’Aval

Besonderes
auf Schweizer Seite übertrieben gut ausgerichtete Reben. Thonon – Bons mit Auto, Genève Eaux Vives – Bons mit SNCF, Bons – Thonon mit Auto (damit wir in Brenthonne Käse einkaufen konnten)

Etappenbericht Looser
10. April 2024

Etappe 20

Von Bons en Chablais nach Genève

Achtungstellung für Schweizer Rebstöcke

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem eigenen Auto nach Bons zum Ausgangspunkt der endgültig letzten Marschetappe auf dem Weg von Ost nach West. Es wehte ein scharfer Westwind; aber vorläufig schien noch eine warme Herbstsonne, als wir uns Richtung Schweizer Grenze in Marsch setzten. Jetzt hatten wir nur noch sanfte Hügel und schwach ausgeprägte Mulden und Tälchen vor uns, eine Landschaft wie im Thurgau. Auch die zahlreichen Obstbäume gehörten dazu. Schon nach 1 ½ Stunden erreichten wir den Grenzposten. Wir amüsierten uns darüber, dass die Schweiz ein Stück weit einfach im nördlichen Strassengraben beginnt, ohne dass weitere Unterscheidungsmerkmale vorhanden waren. Als wir dem gemütlichen Zöllner am Posten von Monniaz unseren Reiseweg erklärten, staunte er nicht schlecht und verzichtete auf unnötige Formalitäten. Auf einer schnurgeraden Waldstrasse, den jetzt wieder gelben Wanderwegmarkierungen folgend, durchquerten wir das ausgedehnte Waldgebiet Grands-Bois und gelangten bald zum typischen Weinbauerndörfchen Lullier 509.907 E / 121.309 N. Jetzt erkannten wir fast schlagartig, dass wir eine entscheidende Grenze überschritten hatten. Während nämlich in Frankreich die Rebberge, wie vieles anderes auch, noch irgendwie natürlich gewachsen erscheinen, muss bei den Weinbauern des Kantons Genf mit dem Theodoliten gearbeitet werden, so exakt geradlinig sind die Reihen der Rebstöcke ausgerichtet. Übrigens waren sie auch hier übervoll grosser reifer Trauben. Die Weinberge sind an den Südabhängen der Hügel angelegt, während die Ebene, die wir längs einem Entwässerungsgraben durchquerten – auf der andern Seite galoppierte stilgerecht ein Herrenreiter –, mit Getreide und Mais bebaut ist. Die letzte Steigung zur Traversierung des Moränenhügels am Ende des Genfersees bringt uns nach Carre, wo wir im ‹Cheval Blanc› ein etwas merkwürdiges und dafür teures Mittagsmahl einnehmen, das sich zwischen Bisque d’Hommard und Bündnerfleisch bewegt. Inzwischen ist die Sonne hinter Regenwolken verschwunden, und es fängt an zu tröpfeln, kaum haben wir die originelle Herberge mit den kräftigen Schweizerpreisen verlassen. Das Tröpfeln wächst sich zu einem richtigen Landregen aus. So wird das letzte Stück unserer Wanderung zu einer feuchten und tristen Angelegenheit. Dabei hätte bei anderem Wetter der Spaziergang dem Quai entlang von Cologny bis zum Pont du Mont Blanc in Genf 499.935 E / 117.154 N einen sehr würdigen Abschluss unserer doch beachtlichen Ausdauerleistung bilden können. Unter obwaltenden Bedingungen hatten wir auch keine Gelegenheit, eine richtige Abschlussfeier anzuschliessen, und wir mussten uns so schnell wie möglich in ein überfülltes Café verziehen, um dann von dort aus mit dem Taxi zum schäbigen Bahnhof des-Eaux-Vives zu fahren. Hier lernten wir, dass die SNCF in Genf kein französisches Geld will, so dass ich zum Billetlösen die guten Dienste der Wechselstube der SBG/UBS in Anspruch nehmen musste. Auch typisch französisch, aber durchaus sympathisch war dann, dass wir trotz Umsteigen in Annemasse weder einen Kondukteur noch einen französischen Zöllner je zu Gesicht bekamen. Es regnete halt. In Bonsen- Chablais stiegen wir auf das eigene Fahrzeug um. Unterwegs war dann noch der Käseeinkauf in Brenthonne zu besorgen. Es war so dunkel in der Käserei, dass man wirklich kaum feststellen konnte, was man eigentlich einpackte. Über die schwarze, regennasse Hauptstrasse kamen wir nach Thonon und ins Hotel zurück. Nachdem wir uns umgezogen hatten, war es endlich so weit, dass wir der Freude über unsere Ausdauer und das viele Schöne, das wir unterwegs erlebt hatten, mit einer Flasche Champagner zum Aperitif und einem ‹menu gastronomique› Ausdruck verleihen konnten.

Viel Horizont mit (alt)neuem Zeithorizont

Haupterkenntnis unserer Wanderung von Rorschach nach Genf ist wohl die Feststellung, dass es sehr gut möglich ist, auch grosse Strecken zu Fuss zurückzulegen und Ziele in weiter Ferne zu erreichen, wenn man die Möglichkeit und den Willen hat, die Zeitbegriffe des 20. Jahrhunderts einfach einmal zu vergessen. Dann aber ist es für ein so ausgedehntes Unternehmen notwendig, einen Gefährten bzw. eine Gefährtin zur Seite zu haben, die keine körperlichen oder seelischen Schwierigkeiten hat oder macht. Deshalb dürfen wir uns ganz besonders freuen, dass wir das grosse Abenteuer einer Reise durch die Schweiz in dieser heiteren Art nach fast 40 Ehejahren zu unserer beider Vergnügen unternehmen und glücklich zu Ende führen konnten.