Technische Angaben
Datum
27. März 1981
Wetter
schön, leichte Bise, Temperatur 20 Grad, nach Sonnenuntergang kühl
Karte
1:25’000 Blatt 2501 St. Gallen und Umgebung
Route
Rorschach Bhf. – Mariaberg – Sulzberg – Iltenriet Untereggen (Vorderhof – Hinterhof) – Schiben – Martinsbrugg – Schaugenbädli – Schaugenhof – Hueb – Notkersegg – Scheitlinsbüchel – Mühlegg
Höhen ü.M.
Rorschach 399 m, Hueb 815 m
Zeiten
St.Gallen ab mit Bahn 13.22, Rorschach Bhf. an 13.38, 3 1⁄2 Stunden Marsch bis Scheitlinsbüchel
Unterkunft
—
Verpflegung
Vesperplättli im Rest. Scheitlinsbüchel
Besonderes
—
Etappenbericht Looser, Teil 1
4. Juli 2020
Etappenbericht Looser, Teil 2
31. Oktober 2021
Etappe 1
Von Rorschach nach St. Gallen
Den Anfang machte ein bescheidener Nachmittagsspaziergang von Rorschach nach St.Gallen. Ein früher Frühlingstag, blauer Himmel, angenehme Wandertemperatur, eine leichte Bise vom Bodensee her, erste Blüten an Spalierbäumen, ein Tag, wie er Mörike zu seinen Versen ‹Frühling lässt sein blaues Band wieder flattern durch die Lüfte› inspiriert haben könnte, lud uns ein, die grosse Fussreise nun in Angriff zu nehmen. Nach dem Mittagessen zogen wir zum ersten Mal mit den neuen Wanderschuhen zum Bahnhof und liessen uns im bequemen Polster an den See hinuntertragen. Der erste gelbe Wanderwegweiser, den wir konsultierten, hing am Ende der Personenunterführung in Rorschach Bhf 752.925 E / 260.077 N und wies den Weg zum Lehrerseminar, d.h. dem früheren Kloster Mariaberg, dessen Bau die St.Galler anno 1487 verhindern wollten, aus Angst, den kirchlichen Tourismus zu verlieren. Die Eidgenossen sind dann eingeschritten und haben die Städter zurückgepfiffen. Nach der Reformation benützten die Äbte dann aber Wil und nicht Rorschach als Ausweichquartier. Seit der kürzlich durchgeführten gründlichen Renovation durch den Kanton ist Mariaberg als ein Schmuckstück gotischer und barocker Baukunst wiedererstanden. Diesmal hatten wir aber keine Zeit für eine Besichtigung, denn vor uns stand schliesslich ein Marsch von 350 km (auf der Geraden). So wanderten wir denn zielbewusst dem aussichtsreichen Hang des Rorschacherbergs entlang, hinter dem Sulzberg und unter der Autobahn durch, hinauf zum Iltenriet 753.158 E / 258.680 N, wo man einen schönen Blick auf das Möttelischloss – im Familienjargon Schlösselimott genannt – und auf den dazugehörigen kleinen See mit seinen Seerosen geniesst. Auf einem seiner ersten Spaziergänge hat Konrad hier gelernt, dass ein solches Gewässer Weiher heisst, was ihn einige Monate später am Adriastrand bei Ravenna zum beinahe wagnerischen Ausruf veranlasste: ‹Do Weia!›
In Untereggen, das immer mehr zu einer merkwürdigen Mischung von Bauerndorf und Schlafsiedlung wird, arbeiteten Rentner in den kleinen Gärten vor ihren Häuschen und waren dankbar für ein Gespräch, das eine Unterbrechung des Nachmittags verschaffte. Für uns ergaben sich neben den menschlichen Kontakten wertvolle Ergänzungen unserer gärtnerischen Kenntnisse.
Schon auf dieser ersten Etappe haben wir festgestellt, dass es sozusagen nie nötig ist, auf autobefahrenen Landstrassen zu marschieren, dass vielmehr fast immer angenehme Fusswege zum bequemen Schlendern einladen. Auch von Untereggen aus war es nicht notwendig, die stark befahrene Strasse zum Martinstobel zu benutzen. Ein Wanderweg mit erst noch sehr schöner Fernsicht führte mit nur wenig Gegensteigung durch ein kleines Seitental zur Martinsbrugg hinunter, wo wir städtisches Gebiet betraten. Auf dem Weg von diesem sagenumwobenen Goldachübergang (Notker: ‹media vita in morte sumus›), der ersten Flussüberschreitung, über Schaugenbädli, Schaugenhof, Hueb genossen wir neben der herrlichen Aussicht auf den abendlichen Bodensee einen einprägsamen Anschauungsunterricht über die grossen Höhendifferenzen in der Stadt St. Gallen 745.784 E / 254.383 N.
Von der Hueb an wurde die restliche Wegstrecke dann wieder gemütlicher. Weil wir die Spaziergänge um unsere Stadt gut kennen, sind wir hier vielleicht noch nicht so auf Besonderheiten der Topografie, der Vegetation, der Besiedlung aufmerksam geworden, wie später in weniger bekannten Gegenden; sonst wären wir schon an diesem ersten Wandertag darauf aufmerksam geworden, dass wir immer wieder Höhenzügen und Geländefalten folgten, die genau in der Richtung unserer Wanderung verliefen. Wir hätten auch gemerkt, dass das 800jährige Frauenkloster Notkersegg in einem merkwürdigen architektonischen und gesellschaftlichen Gegensatz zur davor gelagerten modernen Wohnsiedlung steht. An diesem Spätnachmittag interessierte uns aber nur noch das Vesperplättli in der ortsbürgerlichen Bauernwirtschaft ‹Scheitlinsbüchel›. Nachher schlossen wir unsere erste Etappe mit dem fast allzu konventionellen Spaziergang den noch verlassenen Weihern entlang zum Bus bei der Mühlegg ab.
Damit war der Anfang gemacht, aber die Überzeugung, dass das grosse Unternehmen wirklich zu Ende gebracht werden könnte, sass noch nicht sehr fest, als wir die ersten Stecknadeln auf den Anfangs- und Endpunkt der ersten Etappe in die Schweizerkarte an der Wand drückte.