St. Gallen-Degersheim

Technische Angaben

Datum
26. April 1981

Wetter
föhnig, am Nachmittag auffrischender Südwestwind, sonnig bis bewölkt, angenehme Wandertemperatur

Karte
1:25’000 Blatt 2501 St.Gallen und Umgebung

Route
St.Gallen Nest – Solitüde – Haggen – Hinterberg – SBB–Viadukt – Gübsen – Alter Zoll – Wachtenegg – Tüfi – Zellersmüli – Schwänberg – Wissenbachschlucht – Tal – Forenwäldli – Degersheim Bahnhof

Höhen ü.M.
Nest 753 m, Solitüde 872 m, SBB-Viadukt 649 m, Wachtenegg 869 m, Zellersmüli 629 m, Forenwäldli 882 m, Degersheim Bhf. 798 m

Zeiten
Nest – Schwänberg 31⁄4 Std., Schwänberg – Degersheim 31⁄4 Std., Degersheim – St.Gallen mit Bahn 19 Min.

Unterkunft

Verpflegung
Käsezwiebelfladen im ‹Sternen›, Schwänberg

Besonderes
Nach der langen Frankreichreise erscheint uns die Ostschweiz besonders schön. Besonders Bemerkenswert: Wissenbachschlucht!

Etappenbericht Looser, Teil 1
8. November 2020

Etappenbericht Looser, Teil 2
16. April 2021

Etappe 2

Von St. Gallen nach Degersheim

Neues Wissen um Wissenbachschlucht

Etwa vier Wochen später lud uns ein föhnig heller Sonntagmorgen zur Fortsetzung der grossen Reise ein. Dabei war es diesmal am Anfang besonders einfach, weil wir den Startpunkt mit dem Bus praktisch von unserer Wohnung aus erreichen konnten, so quasi aus dem Nest bis ins Nest.Dann kam gleich der erste fühlbare Aufstieg zur Solitüde, die am frühen Vormittag tatsächlich noch einsam war, so dass wir die herrliche Aussicht in die Berge und hinunter über die blühenden Obstbaumwälder Mostindiens bis zum blauen Bodensee ungestört geniessen konnten. Immer noch auf wohlbekannten städtischen Spazierwegen gelangten wir dann durch die grosse Flachdachsiedlung der Rentenanstalt zum Haggen-Schlössli und von dort auf verschlungenen Pfaden durch die Einfamilienhaussiedlung Wolfgangstrasse hinunter zum Bahnhof Bruggen und auf dem Fussgängersteg entlang der SBB-Brücke über das Sittertobel, womit die zweite Flussüberquerung bewerkstelligt wurde.

Von der SBB-Brücke aus sieht man nicht nur das noch höhere Schwesterbauwerk der BT, sondern noch eine ganze Reihe anderer Sitterbrücken, kleine und grosse, alte und neue, die einen dazu ermuntern, einmal alle Fluss- und Bachübergänge rund um die Stadt abzuschreiten.

Jetzt aber spazierten wir dem frühlingsbewegten, d.h. wasservogelbelebten Gübsensee 741.728 E / 251.505 N entlang, um dann auf dem früheren Trassee der Appenzellerbahn (von Winkeln nach Herisau) zum Alten Zoll zu gelangen, dem Geburtshaus meiner Grossmutter Berta Vogt-Gut, deren Eltern dort eine Bäckerei und Gastwirtschaft betrieben. Nach der Überquerung der stark befahrenen Hauptstrasse ging es einen Treppenweg steil bergauf zur Wachtenegg mit der alten Burgstelle der Ruine Rosenberg. Und so, wie sich das für das appenzellische Hügelland gehört, denn auf dieser Strecke berührten wir mit Appenzell Ausserrhoden bereits den zweiten Kanton unserer Schweizerreise, geht es vom Rosenberg gleich wieder steil hinunter in die Tiefe, vorbei an modernen Villen, die den appenzellischen Wohlstand etwas deutlicher markieren als noch die Fabrikantenhäuser aus dem letzten Jahrhundert. Übrigens heisst die Gegend westlich der Staatsstrasse Herisau – Gossau, unten an der Glatt, tatsächlich Tüfi und war der tiefste Punkt der heutigen Wanderung. Von hier an ging es also wieder bergauf, auf Wiesenwegen und Güterstrassen, hinauf zum Weiler Schwänberg mit seinen besonders alten und stattlichen Appenzellerhäusern, die leider nicht mehr alle in gutem Zustand sind, aber mit Recht zu den erhaltenswürdigen Bauten alter Bauernkultur zählen. Im ‹Sternen› verpflegten wir uns mit Käse- und Zwiebelfladen, einer bemerkenswerten Spezialität des Hauses. Inzwischen hatte der Föhn einem kräftigen Westwind Platz gemacht, der aber vorläufig bloss Wolken ohne Regen mit sich führte. Damit wurde der weitere Aufstieg nach Degersheim durch eine angenehme Wandertemperatur erleichtert. Zunächst drangen wir in die Wissenbachschlucht 735.334 E / 250.064 N ein, von der wir, zu unserer Schande sei’s gesagt, bis jetzt keine Ahnung hatten. Tatsächlich ist es überraschend, wie ein verhältnismässig bescheidener Bach in so romantischer Weise eine Steilstufe im Nagelfluhgestein überwindet. Der Zugang wird durch gut unterhaltene Leitern, Treppen und Galerien erleichtert. Man ist dann erneut überrascht, wenn man am obern Ende der wilden Schlucht auf einmal wieder in einer lieblichen Wiesenmulde, dem ‹Tal›, steht. Aus dieser Mulde geht es dann wieder kräftig bergauf bis zu den Höhen im Norden des Dorfes Degersheim, von wo wir nochmals einen prächtigen Rundblick auf den Alpstein und in die Weite des Fürstenlandes genossen. Das Dorf Degersheim, das ja eigentlich Tägerschen heisst, ist ebenso reizlos wie die administrative Verballhornung des Namens blöd ist. Es muss hier deshalb auch nur als praktischer Endpunkt der Etappe erwähnt werden. Im Lauf des Nachmittags kehrten wir mit der BT heim, deren Hauptinitiant immerhin aus Degersheim stammte und dessen späte Nachkommen bis ins Seelenleben meiner verehrten Ehefrau schwache Spuren eingruben.