Technische Angaben
Datum
22. Juli 1981
Wetter
schön, am Vormittag eher kühl, am Nachmittag sehr schwül
Karte
1:25’000 Blätter 2513 Wanderkarte mittleres Toggenburg/Gasterland, ferner 1113 Ricken, 1112 Stäfa
Route
Lichtensteig Bhf. – Mösli – Egg – Altschwil – Holzweid – Schwämli – Chrüzegg – Chamm – Chapfrain – Hintergoldingen – Sack – Stüssel – Gibel – Diezikon – Laupen – Kraueren – Ermenschwil – Aspwald – Jona – Rapperswil
Höhen ü.M.
Lichtensteig 616 m, Chrüzegg 1265 m, Goldinger Graben 789 m, Stüssel 932 m, Laupen 607 m, Ermenschwil 490 m, Jona 420 m, Rapperswil 409 m
Zeiten
Lichtensteig –Chrüzegg 2 3⁄4 Std., Chrüzegg – Laupen 3 3⁄4 Std., Laupen – Rapperswil 2 1⁄4 Std.
Unterkunft
—
Verpflegung
Rucksack, Einkehr auf Chrüzegg, Nachtessen im ‹Schwanen›, Rapperswil
Besonderes
etwas lange Etappe
Etappenbericht Looser
3. – 4. Juni 2021
Etappe 4
Von Lichtensteig nach Rapperswil
Goldinger Graben: Kriegsveteran par excellence
Wiederum vier Wochen später fahren wir aus dem Appenzellerland, wo wir Ferien verbringen, mit dem Auto nach Lichtensteig und stellen es beim Bahnhof in den Schatten der grossen Kastanienbäume. Sofort beginnt der lange Aufstieg – es sind bis auf die Chrüzegg mehr als 600 m Höhendifferenz zu überwinden — auf einer der vielen von Nordost nach Südwest streichenden Geländerippen, die uns fast von Rorschach bis Genf begleiten. Der Umstand, dass wir uns praktisch auf der ganzen Wanderung dem Alpenrand entlang bewegen, geologisch an der Grenze zwischen dem Kalk der Voralpen und der Süsswassermolasse, hat auch zur Folge, dass wir überall der fast gleichen Flora begegnen. Es sind in erster Linie eher sumpfige Weiden mit viel Hahnenfuss an den schwachgeneigten Hängen und in den sanfteren Mulden. Die tiefeingeschnittenen Töbler von der Goldach bis zur Dranse sind mit Tannen bestockt. In den feuchten Wäldern wachsen die Spierstaude und das Rührmichnichtan, an den sonnigen Börtern finden wir mit fortschreitender Jahreszeit Erdbeeren und kräftige Himbeeren. Wo intensive Landwirtschaft betrieben wird, bewegen wir uns vom Bodensee bis ins Emmental und nachher wieder im Freiburgischen und in Hochsavoyen im Gebiet der Viehzucht und Milchwirtschaft, ergänzt durch Obstbau, zunächst Äpfel und Birnen, in den Kantonen Schwyz und Zug dann auch Kirschen, die gerade pflückreif sind.
Der Weg über die einsamen Gehöfte Mösli, Schwendi, Egg, Altschwil 721.402 E / 240.890 N ist wiederum eine prächtige Höhenwanderung mit umfassender Aussicht auf die Churfirsten. Erst im waldigen Altschwiler Tobel verengt sich der Horizont und der Weg wird steiler. Auf der Holzweid überrennt uns fast eine übermütig gewordene Rinderherde. Dann werden wir für die Mühen des Aufstiegs durch den grossartigen Rundblick von den Höhen des Älplispitzes und der Chrüzegg entschädigt. Auf der Chrüzegg lohnt sich eine kurze Einkehr allein schon, weil man sich dann eher Zeit nimmt, die Aussicht richtig zu geniessen. Für uns ist es besonders reizvoll, einen Blick zurückzuwerfen auf die Appenzeller und Toggenburger Hügellandschaft, wo wir hergewandert sind, und dann voraus in südwestlicher Richtung bis in die Gegend von Rigi und Pilatus, wo wir bald einzutreffen hoffen. Insofern bedeutet die Chrüzegg einen wirklichen Höhepunkt der Wanderung, weil an unserem tälerdurchschnittenen Alpennordhang die Möglichkeiten, über grössere Distanzen das bisher Geleistete wohlgefällig zu registrieren und die vor uns liegende Wegstrecke konkret, d.h. nicht bloss auf der Karte, ins Auge zu fassen, gar nicht so häufig sind.
Von der Chrüzegg geht es wieder auf einer Nagelfluhrippe zwischen den Skihängen von Hintergoldingen und Atzmännig kräftig bergab und auf einem kaum mehr feststellbaren Wanderweg über den Goldingerbach (kein Krieg in der Schweiz ohne den Goldinger Graben) und jenseits wieder stotzig hinauf zum Weiler Hintergoldingen. Nun folgt eine abwechslungsreiche Wanderung, immer abseits der Landstrasse den Südabhängen der obersten Tösstalerberge entlang, wobei sich vor allem in der Gegend des Gibel wieder eine herrliche Aussicht nach Westen, weit über den Zürichsee hinaus, auftut. Oberhalb von Diezikon überschreiten wir bei einem verträumten alten Fabrikweiher die Grenze zum Kanton Zürich, dem dritten Kanton auf unserer Wanderung. Im Weiler Diezikon und weiter unten in Laupen 712.783 E / 236.048 N stossen wir auch sofort auf die typischen Industriebauten aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Spinnereien und Webereien).
Die Töss ist ein St.Galler Kind
Es ist hier am Platz, etwas über die Bausubstanz zu sagen, die wir bisher auf unserer Wanderung angetroffen haben. Während sich die Vegetation seit Rorschach kaum verändert hat, entsprechend der immer gleichbleibenden geologischen Formation (der aufgeschobenen Molasse am Alpennordrand), ist die Bewirtschaftung entsprechend der topografischen Parzellierung, der Höhenlage, der Sonnenexposition usw. sehr unterschiedlich, was sich auch in der Bauart der Wohnhäuser und Wirtschaftsgebäude ausdrückt. Die durch tiefeingeschnittene Bachtobel extrem parzellierten Geländeformen verlangten Streusiedlungen und erlaubten nur die Entstehung von Kleinbauernbetrieben. Deshalb trafen wir bisher erst die eher ärmlichen und architektonisch wenig bemerkenswerten Fürstenlandhäuser und die wohl sauberen, aber kleinen Appenzellerhäuser an, deren allerdings nicht mehr benützte Webkeller anzeigen, dass im Hügelland von Appenzell und im Toggenburg die Landwirtschaft kaum je allein für den Lebensunterhalt ausreichte. Abgesehen von den wenigen blühenden Marktorten mit städtischem Charakter macht sich der Eindruck einer gewissen Kleinlichkeit, ja Armut (heute würde man von Entwicklungsländern sprechen) bis hinüber ins zürcherische Tösstal geltend.(Die Töss entspringt übrigens im Kanton St.Gallen!) Wo aber nun grössere Bauernbetriebe möglich waren, wie in der flacheren Gegend von Wald/Rüti nach Westen und Süden bis zum See hinab, da stellen sich sofort auch stattliche Steinhäuser ein, die mit ihren weissgetünchten Mauern eine heitere Note ins Grün der Wiesen und Obstbäume bringen. Der Weg von Laupen über Ermenswil, wo nun Fabrikbauten des 20. Jahrhunderts auftauchen, hinab nach Jona und Rapperswil war trotz zahlreicher landschaftlicher Reize eine etwas mühsame Pflichtübung.Für sich allein wäre dieser fast ebene Spazierweg wohl eine anregende Frühlingswanderung; aber am Ende einer recht ausgedehnten Tagesetappe ist man nicht mehr für alle Schönheiten empfänglich. Eher ermüdend war schliesslich auch der ‹Asphalttippel› durch die sogenannt besseren Quartiere der Wachstumsgemeinde Jona und der Schrumpfstadt Rapperswil. Immerhin ging die Müdigkeit nicht so weit, dass wir nicht doch noch viele Schönheiten der romantischen Altstadt von Rapperswil 704.519 E / 231.293 N voll aufnehmen und für spätere Besuche (das nächste Mal war es die Donnerstagia) vormerken konnten, bevor wir uns im ‹Schwanen› am belebten Quai zum wohlverdienten Fischmahl niederliessen.
Hier wäre anzumerken, dass neben Rapperswil natürlich auch Rorschach, St.Gallen, Lichtensteig und später weitere Städte und Städtchen, die wir mit offenen Augen und Sinnen durchstreiften, einer genaueren Beschreibung wert wären. Doch besteht über solche Orte eine ausreichende Literatur.
Nach dieser längsten Etappe der ganzen Wanderung fuhren wir ziemlich müde, aber sehr befriedigt mit der Bahn zum Ausgangspunkt zurück, um sofort nach Ankunft im Ferienhaus die neuen Nadeln zu stecken. Jetzt, nachdem wir den ganzen Kanton St.Gallen vom Bodensee zum Zürichsee durchwandert hatten, sah unser so bescheiden und noch leicht zweifelnd begonnenes Unternehmen schon recht erfolgversprechend aus, was uns zur baldigen Fortsetzung ermunterte.