Meillerie-Vallée de la Dranse

Technische Angaben

Datum
9. Oktober 1982

Wetter
zuerst bedeckt, nachher sonnig, kühl

Karte
1:50’000 Blatt 071 Chablais, 1:25’000 Blätter 1263 Evian-les-Bains, 1262 Thonon-les-Bains

Route
Meillerie – Le Maravent – Thollon – La Prau – Praubert – P. 864 – Vérassier Haut – Féternes – Thièze – Châteauvieux – La Dranse – Branlecul (Thonon)

Höhen ü.M.
Meillerie 375 m, Le Maravent 963 m, Praubert 898 m, Féternes 801 m, Châteauvieux 700 m, La Dranse 441 m, Branlecul 440 m

Zeiten
Meillerie – Thollon 3 Std., Thollon – Châteauvieux 2 ½ Std., Abstieg zur Dranse ¾ Std., Vallée de la Dranse 1 Std./p>

Unterkunft
Thonon, Hôtel Savoie et Léman

Verpflegung
Mittagessen Hotel Floralp, Thollon

Besonderes
Aufstieg Meillerie – Le Maravent steil, aber gut markiert (fléchés), Abstieg zur Dranse schwierig, Weg zugewachsen (boisé). Von Thonon zum Ausgangspunkt Meillerie mit Taxi.

Etappenbericht Looser
6. April 2024

Etappe 18

Von La Meillerie nach Vallée de la Dranse

…zurück zum Schmalhans unter dem Nussbaum

Eine Rekognoszierungsfahrt am Vorabend der Wanderung ergab nach Erkundigungen auf dem Postamt von Meillerie (im 2. Stock der Mairie), dass es auch in Frankreich sentiers pédestres fléchés, zu Deutsch: markierte Wanderwege, gibt, was sich in der Folge als richtig und angenehm erwies. Überhaupt konnten wir feststellen, dass es mindestens in Savoyen sehr gut möglich ist, auf Fusswegen und Nebenstrassen zu wandern. Der ganz grosse Unterschied zu unserem Land besteht im weitgehenden Fehlen von Verpflegungsmöglichkeiten ausserhalb der Städte und Kurorte. Auch in grösseren Dörfern gibt es vielleicht ein Café oder eine Bar (wenn dann überhaupt geöffnet); aber für das Essen mussten wir zum Teil auf das Sammeln von Baumnüssen ausweichen, die es in dieser Gegend und in diesem Jahr glücklicherweise in grosser Menge gab. Am Morgen des ersten Wandertages fuhren wir mit einem Taxi, dessen Fahrer uns offensichtlich als etwas komische Exemplare der menschlichen Rasse beurteilte, von Thonon nach Meillerie, einem ziemlich kläglichen Haufen schlecht unterhaltener Häuser, dicht gedrängt am Steilufer des Genfersees. Man lebt dort offenbar vom Ertrag eines riesigen Steinbruchs, der sich weit oberhalb des Dorfes in die Kalkfelsen hineinfrisst. In diesem Steinbruch landeten wir schliesslich, nachdem wir die breite, für Lastwagen fahrbare Strasse hinaufmarschiert waren und den flèches zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hatten. Der Rückzug auf den richtigen Fussweg, der halt ein Stück weit wieder bergab führte, war zwar ärgerlich, aber weiter nicht schlimm, da es wohl sonnig, aber an diesem Steilhang sehr kühl war. Es hatte in der Nacht zuvor bis weit hinunter geschneit. Im übrigen war der Aufstieg vom Seeufer bis auf das Plateau von Thollon 542.951 E / 137.977 N (einem Wintersportort auf etwa 1000 Metern Meereshöhe) das Gegenstück zum Abstieg von den Pléiades nach Vevey, allerdings im Wald am unbesiedelten Schattenhang. Weil Thollon ein Ferienort ist, um diese Jahreszeit allerdings verwaist, war es sogar möglich, im Hotel Floralp eine bescheidene Verpflegung zu bekommen. Während wir beim steilen Aufstieg von Meillerie bis Le Maravent das Gefühl hatten, noch einmal richtig in die Berge zu kommen, so etwa wie von Bregenz auf den Pfänder, änderte da oben die Landschaft fast vollständig. Tatsächlich senkt sich eine breite Terrasse von Thollon auf 1000 m ü.M. ganz langsam gegen Westen bis zum Rhonetal unterhalb Genf auf 370 m. Auf dieser Terrasse gibt es Wiesen, Felder und Obstgärten und nicht zuletzt auch Landhäuser, die den Autos nach zu schliessen, welche davor stehen, hauptsächlich in Genfer Besitz sind. Die sanft geneigte Ebene wird nur einmal abrupt unterbrochen, durch das scharf eingeschnittene Vallée de la Dranse, was wir dann am Schluss des Tages noch zu spüren bekamen. Einstweilen war der Spaziergang über die weite Hochebene ein ausgesprochener Genuss. Wir glaubten, genau die Landschaft zu durchwandern, die als Ölbild in unserem Esszimmer hängt, ein Hochmoor mit den Voirons im Hintergrund. Es ist mit Haute Savoie angeschrieben, was wir bisher immer bezweifelt hatten, nun aber für zutreffend halten. Die Aussicht ist auch sonst beeindruckend. Im Süden grüssten die verschneiten Savoyerberge – wieder einmal ähnlich wie der Alpstein –, und im Norden sah man jenseits des Genfersees bis weit ins Gros de Vaud hinein und an die Südhänge der Juraketten. Nun am Rande des Tals der Dranse hatte die Sanftheit ein Ende. Auf der schweizerischen Landeskarte (1:50’000 Blatt 271 Chablais) ist zwar ein Fussweg von Châteauvieux direkt hinunter an den Fluss eingezeichnet. Ein alter Bauer, den wir darüber befragten, bestätigte, dass man früher, als die Autostrasse noch nicht ausgebaut gewesen sei, tatsächlich da hinuntergestiegen sei. Er glaube aber, dass der Weg jetzt zugewachsen – boisé – sei, was sich dann sehr bestätigte. Es lag somit ein ganz ähnlicher Fall vor wie beim Übergang über die Entlen bei Finsterwald. Weil es aber hier nur steil abwärts ging, landeten wir etwas zerschunden und zerkratzt schliesslich doch auf der breiten Strasse im Talgrund. Den nun folgenden ‹Strassentippel› hätten wir uns nach dem Abenteuer des letzten Abstiegs gerne geschenkt und brachen ihn auch bei der ersten halbwegs vertrauenerweckenden Bar hinter Thonon ab – die Gegend trägt die sympathische Bezeichnung Branlecul –, um dort ein Taxi herbeizurufen, das uns als müde Wanderer zu den Fleischtöpfen der Hotelfachschule zurückbrachte.