Spurensuche

WEGE – Unser neues Familienprojekt.

Familie Looser auf den Spuren von Alfred und Verena Hummler-Stucki. Wie sie das Leben von Anneliese prägten und wie wir als Familie in Erinnerung an sie die Schweiz erkunden möchten.

Grossmüeti und Grosspapa

Von Anneliese, in Erinnerung an Grossmüeti und Grosspapa

Alfred und Verena Hummler-Stucki – Grosspapa und Grossmüeti – waren meine Grosseltern väterlicherseits. Als kleines Mädchen verbrachte ich mit meiner grossen Schwester Nelleke viele Stunden bei Ihnen zu Hause in der Wohnung an der Müller-Friedbergstrasse in St. Gallen und an den Wochenende in deren Ferienwohnung oberhalb von Appenzell. Für die damalige Zeit waren Grossmüeti und Grosspapa enorm reisefreudig und abenteuerlustig. Sehr gut kann ich mich an einen Pinsel erinnern, den mir die Grosseltern aus dem fernen China mitgebracht hatten. Dieser Pinsel hat es sogar von Teufen über viele Stationen nach Stein geschafft!

Grossmüeti war für mich in meinen frühen Kinderjahren eine extrem wichtige Bezugsperson. Oftmals fuhr ich am Mittwoch Mittag mit dem Zügli von Teufen nach St. Gallen. Am Bahnhof wurde ich abgeholt und dann ging’s zu Fuss durch die Stadt, vorbei am Blumenbergplatz zur Wohnung. Dort wartete mein Grossvater beim gedeckten Tisch – die grüne Passugger-Mineralwasserflasche hat sich in mein Gedächtnis eingebrannt – auf uns. Der Mittagstisch wurde eröffnet und zuerst wurde immer eine Suppe serviert. Dann folgte eine köstliche Mahlzeit – meine Grossmutter war eine hervorragende Köchin und hat glücklicherweise ganz viele Rezepte ihrem Sohn Konrad, meinem Vater, weitergegeben. Pünktlich zum „Echo der Zeit“ auf DRS 1 kehrte Ruhe am Tisch ein. Meine Kommentare zu den Berichten waren zu diesem Zeitpunkt nicht erwünscht (darauf wurde ich ab und zu auch mit bestimmtem Ton darauf hingewiesen). Nach dem Mittagessen wurde ein Mittagsschläfchen gehalten und auf das Mittagsschläfchen folgte eine Turnstunde, die jedoch ohne meinen Grossvater stattfand. Meine Grossmutter hatte schon damals mit Pailletten besetzte Leggins, man stelle sich vor!

Mit der Zeit wurde es für Grossmüeti immer schwerer, mich beim Bahnhof abzuholen. Oft musste sie auf dem Weg anhalten, um Luft zu bekommen. Als Kind fand ich das zwar merkwürdig, aber einen Reim konnte ich mir natürlich noch nicht darauf machen. An einem Sonntag, als wir uns mit der ganzen Familie in der Wohnung eingefunden hatten, wurde uns Kindern eröffnet, dass Grossmüeti sich einer schweren Herzoperation unterziehen musste. In meinen Erinnerungen fand diese bereits am darauffolgenden Tag statt – sicher bin ich mir aber nicht mehr. Grossmüeti haben wir nach der Herz-OP im Spital in Zürich besucht. Ich kann mich noch gut an die Atmosphäre in der Klinik erinnern. Danach wurde meine Grossmutter in eine Reha verlegt. Was dann folgte, prägte mich für immer. Grossmüeti ist gestorben. Eingeschlafen, für immer. Damals war ich 9 und das war meine erste tiefe Erfahrung mit dem Tod. So gerne hätte ich noch unzählige Stunden mehr mit ihr verbracht. Der Verlust war schmerzhaft und traurig.

Mein Grossvater lebte fortan alleine. Und wie! Er lernte kochen mit dem Tiptopf-Kochbuch, das zumindest allen Schweizern ein Begriff ist. Er lernte den Umgang mit dem Computer und Internet. Er haushaltete fast alleine. Er reiste, einmal mit knapp 90 Jahren von der Schweiz mit dem Auto über Österreich bis nach Slowenien. Er suchte die Gesellschaft und liebte die Geselligkeit. Er war mein wichtigster Diskussionspartner – und direktester Kritiker – bei politischen und gesellschaftlichen Fragen. Er las meine Bachelor-Arbeit Korrektur – im Alter von über 90 Jahren! Jeden Sonntag ass er bei meinen Eltern in Teufen z’Mittag. Diese Mittagessen konnten bisweilen mehrere Stunden dauern – je nachdem, was in der Welt alles gerade so geschah. Grosspapa hat mich lange durch’s Leben begleitet. Mich beeindruckte er mit seiner Lebensweise, aber auch mit seiner Demut dem Leben gegenüber. Bis zum letzten Lebenstag durfte er ein selbstbestimmtes, selbständiges Leben führen. Mit 95 Jahren, am 10. Dezember 2010, genau drei Jahre bevor unser Flurin das Licht der Welt erblickte, verstarb er.

Die Spurensuche

Nach dem Hinschied meines Grossvaters, veröffentlichte mein Vater das Buch „WEGE“ mit drei Reiseberichten meiner Grosseltern. Reisebericht Nr. 1 und 2 dokumentieren akribisch die Fussmärsche durch die Schweiz. Reisebericht Nr. 3 die Fernostreise meiner Grosseltern anlässlich ihres 50sten (!!!) Ehejahrs.

Fabio und ich erkundeten 2011 während drei Monaten mehrere Kontinente dieser Erde. Mit den Kindern änderte sich unser Reiseverhalten dahingehend, dass wir vor allem nähere Destinationen wählten und in einem langsameren Tempo unterwegs waren. Der Reisefreude tat die Familiengründung jedoch keinen Abbruch. Wir waren und sind viel unterwegs. 2018/2019 verbrachten wir – Fabio’s Arbeit sei Dank – zehn Monate in Kroatien. Diese Land haben wir richtig ausgekostet und sind viel gereist. Fakt ist: wir kennen Kroatien nun eigentlich besser als die Schweiz! Diese Erkenntnis verhalf meiner weit hinten im Kopf schon immer vorhandenen Idee zu neuem Schub.

Lasst uns die Schweiz erkunden! Und zwar so richtig. Wie meine Grosseltern – zu Fuss. Etappe für Etappe.

Die Beinchen unserer Kinder sind noch klein. Sie werden aber grösser und kräftiger und von Jahr zu Jahr werden grössere Etappen gemeistert werden können. Bis dahin werden wir auch ab und zu den zweirädrigen fahrbaren Untersatz zur Hilfe nehmen. Etappen werden in Ettäpchen unterteilt. Wir sind zudem flexibel in der Reihenfolge der Etappen-Absolvierung. Eine zeitliche Vorgabe geben wir uns nicht. Das schöne an diesem Projekt ist: gemeinsam unterwegs sein, gemeinsam in bescheidenem Tempo die Schweiz entdecken – auf den Spuren meiner Grosseltern!

Nachtrag nach Vollendung der Wanderung vom Osten in den Westen: Die Beinchen unserer Kinder haben Unglaubliches geleistet. Die Etäppchen sind schnell zu den vorgegebenen Etappen meiner Grosseltern angewachsen. Auf zweirädrige fahrbare Untersätze haben wir gänzlich verzichtet. Wir haben jeden Meter zu Fuss absolviert. Einzig den Zugersee und den Genfersee haben wir nicht zu Fuss (und auch nicht schwimmend…) durchquert.

Rorschach – Genève
Bargen – Chiasso