Ein neues Wandererlebnis
Bericht über eine zweite Fussreise durch die Schweiz (1982–1983), um damit meiner lieben Verena die Erinnerung an weitere 18 schöne Wandertage wachzurufen.
Alfred Hummler-Stucki

Etappe 1: BARGEN – Station DACHSEN
Bemerkungen von Alfred Hummler-Stucki
Auf den vorangehenden Seiten habe ich beschrieben, wie wir miteinander dem Alpenrand entlang von Rorschach bis Genf gewandert sind und dabei viel Freude und Schönes erlebt haben. Als wir so richtig Vergnügen an unserer Fussreise von Ost nach West gefunden hatten, ist uns auch sehr bald der Gedanke gekommen, eine ähnliche Durchquerung der Schweiz von Nord nach Süd zu unternehmen, d. h. von der nördlichsten Gemeinde im Kanton Schaffhausen (Bargen) bis zur südlichsten im Kanton Tessin (Chiasso) zu marschieren. Dabei war uns von Anfang an klar, dass es angesichts der Wegverhältnisse im Alpenraum mit einer Wanderung genau auf der Geraden seine Schwierigkeiten haben könnte. Ausserdem hatten wir in einem früheren Jahr schon ein recht schönes Stück auf der Alpensüdseite abgeschritten, nämlich die bekannte und überaus lohnende Strada alta am linken Talhang der Leventina von Airolo bis Biasca, die wir damals vom Standort Faido aus in zwei ziemlichen Gewaltetappen hinter uns gebracht hatten. Da wir schliesslich jedem Fanatismus abhold sind, fanden wir, es genüge in diesem Fall, die Nord-Süd-Richtung so gut als möglich einzuhalten und unsere Wanderung in Airolo und Biasca an die Tessiner Höhenstrasse anzuhängen. Eine solche flexible Lösung ist uns dann auch wieder ausgezeichnet gelungen. Ich hatte lediglich übersehen, dass die Koordinate 690, auf der wir zunächst von Norden nach Süden wanderten, ausgerechnet auch die Grenze zwischen zwei Kartenblättern 1:25’000 bildet, weshalb ich gezwungen war, immer zwei benachbarte Blätter zu beschaffen und mitzuführen, was unsern Kartenbestand nicht unwesentlich anwachsen liess.
Im Bericht über die Ost-West-Wanderung habe ich geschrieben, dass wir eigentlich fast immer der gleichen geologischen Formation gefolgt seien, d. h. der Grenze zwischen der Molasse des Mittellandtroges und dem Kalk der Voralpen.
Von Norden nach Süden durchquerten wir nun praktisch die ganze Geologie der Schweiz. Von den Jurahöhen des Randens (gelber Jurakalk) stiegen wir hinab in die Moränen und die Molassehügel des Mittellandes, um in der Innerschweiz dann in den grauen Alpenkalk der Voralpen vorzustossen. In der Gotthardregion gelangten wir in das Gebiet der Urgesteine (Granit und Gneis), um dann im südlichsten Tessin wieder in die Region des Kalks hinabzutauchen, mit den Versteinerungen merkwürdiger Fische und Drachenviecher am Monte San Giorgio (Museen in Meride) und dem schönen, roten Marmor im Steinbruch von Arzo. Entsprechend unterschiedlich waren denn auch die Flora, die Bauart der Häuser und nicht zuletzt auch die Menschen, die wir auf unserem Weg antrafen.
Geplant hatten wir die Ost-West-Wanderung auf das Jahr 1981, die Nord-Süd-Durchquerung für 1982. Im Herbst 1981 verhinderten das schlechte Wetter und der frühe Wintereinbruch den Abschluss der ersten Reise. Die letzte Wandkartennadel steckte vorläufig beim Schwefelbergbad. Weil im Frühling 1982 der Schnee in den Bergen sehr lange liegen blieb (sogar im Vrenelisgärtli bis Ende April), beschlossen wir, die Mittellandetappen der Nord-Süd-Wanderung in Angriff zu nehmen, bevor wir die Längswanderung im Westen abschliessen konnten. Das hatte zur Folge, dass wir im Sommer 1982 in ganz verschiedenen Gegenden des Schweizerlandes und scheinbar auseinanderstrebend anzutreffen waren. Die unterschiedlichen Wetterverhältnisse nördlich und südlich des Alpenkammes bewirkten auch, dass wir die Etappen etwas durcheinandermischen mussten, eine Beweglichkeit, auf die wir recht stolz waren. Abschliessen konnten wir die Nord-Süd-Wanderung erst im April 1983. Ein gemeinsames Wettermerkmal hatten die beiden Reisen dennoch: In Genf und in Chiasso regnete es zum Abschluss.